„Geht Gott verloren? Spuren zum Geist, der lebendig macht“

und weitere Texte zu Theologie und Kirche, zu Religion(en) und Glaube

Appetizer – das, was Appetit macht. Das Buch wird vorgestellt. Des Weiteren bekommen Sie über kurze Textabschnitte einen Einblick in je ein entsprechendes Kapitel des Buches, das Sie unter: Text des Buches finden. Ob Sie sich anregen lassen, dort weiterzulesen? 

Mein Anliegen bei der Abfassung des Buches

"Geht Gott verloren? Spuren zum Geist, der lebendig macht“, erschienen im LIT Verlag in der Reihe "Theologische Orientierungen"

 

Sozusagen als Extrakt eines langen theologischen Lebens als Religionslehrer am Gymnasium mit vielen persönlichen theologischen Umbrüchen und Neuanfängen habe ich das getan, was ich eigentlich nie tun wollte: ein Buch schreiben. Ich konnte es nicht mehr ertragen, wie die Kirche(n) und wir alle (?) mit „Gott“ umgehen. So ist mein Buch von dem bestimmt, was mir zentrales Anliegen geworden ist, nämlich dass Gott absolut unbegreiflich und unverfügbar ist. Da nicht an Raum und Zeit gebunden, ist er unmittelbar gegenwärtig und in seinem „Wirken“ erfahrbar. (Mit dem Bildbegriff „Geist" bzw. „GottesGeist" - damit ist nicht der Heilige Geist gemeint! - suche ich das auszudrücken.) Das ist zwar alte kirchliche Lehre, aber (fast) keiner hält sich daran, die Kirche(n) schon gar nicht. In einer Gott-ist-Geist-Theologie, die ich anzuregen suche, soll die Unbegreiflichkeit und Unverfügbarkeit Gottes und seine unfassbare Gegenwart (wieder) zentrale Grundlage sein. So versuche ich in meinem Buch die Konsequenzen daraus zur Sprache zu bringen - sie sind dramatisch und erfassen alle Gebiete! - und neue Wege des Glaubens zu erschließen.

Denn nimmt man das Geist-Sein Gottes wirklich ernst, dann wird von daher alles fragwürdig, wo wir Menschen und die Kirche(n) IHN in Gedanken, Worten und Werken in den Griff zu bekommen suchten und suchen, sei es in theologischen „Erkenntnissen", sei es in Glaubenslehren, dogmatischen Festlegungen und Bekenntnissen, sei es im Kult und Gebeten, sei es in all unseren Gottesvorstellungen und Versuchen, über ihn feste Aussagen zu machen und den Zugang zu IHM/zu seiner Gnade durch „sakrale" Ämter zu verwalten. Was haben wir, d.h. die Kirche(n) und wir alle, nicht alles aus „Gott“ und Jesus gemacht! Und verbauen die Kirchen nicht mit dem „Gott“, den sie lehren und verwalten, für viele Menschen heute ganz gründlich den Zugang zu IHM?

Wenn wir Gott endlich wieder Gott sein lassen, d.h. IHN in seinem unvorstellbaren Geist-Sein erahnen, wird uns all das entzogen, was die Kirche(n) und wir als festen „Wissens- und Glaubensbesitz" zu haben glauben - es erweist sich als geschichtlich und kulturell bedingtes Menschenwerk -, und es beseitigt die Mauer, die wir zwischen uns und Gott eingezogen haben: wir sind IHM als dem unbegreiflichen Geheimnis nun wieder unmittelbar ausgesetzt. Und der GottesGeist/ Gott, der "Ich bin da" (Jahwe) rückt uns näher, als wir das traditionell gewohnt sind - da ist er ja meist noch „im Himmel". Er findet sich überall und mitten in uns selbst. Hier können wir IHN erfahren. In einer Gott-ist-Geist-Theologie, in der Gott „alles in allem“ ist, erscheinen daher auch die zentralen traditionellen Themen der Glaubenslehre in einem anderen Licht. Dabei ist es unerlässlich, dass Christologie, Soteriologie, Trinitätslehre u.a., die sich in gewisser Weise verselbständigt haben, wieder in die eigentliche Theologie, das Sprechen von Gott selbst, zurückgeholt werden. Ich tue das unthematisiert, aber konsequent. Ebenso muss die Verwechslung von Glaubensbildern mit behauptetem Tatsachenwissen über das Göttliche beendet werden.

Von anderen theologischen Voraussetzungen ausgehend - hier ist es das Geist-Sein Gottes in seiner unbegreiflichen und für alles und jeden grundlegenden Gegenwart - kann sich schließlich für jeden Suchenden eine Mystik und Spiritualität erschließen, die der Meister Eckharts benachbart ist. In zeitloser Gegenwart ereignet sich Menschwerdung Gottes prinzipiell in jedem Menschen und aktuell in jedem, der sich dafür öffnet. Glaube und Leben gehören unmittelbar zusammen; hier wird Gott „außer mir“ und „in mir“ erfahrbar.

Das alles und noch einiges mehr ist es, was mich antrieb, das Buch zu schreiben. Das Buch ist daher vielschichtig:

Man kann es z.B. als theologiekritisches Buch lesen, das nahe an der theologia negativa angesiedelt ist (Infragestellung aller menschlichen Vorstellungen von Gott) und eine Theologie anregt, die grundsätzlich „von unten“, d.h. von den Erfahrungen der Menschen ausgeht.

Man kann es als kirchenkritisches Buch lesen. Denn wenn man die Unbegreiflichkeit und Unverfügbarkeit Gottes wirklich ernst nimmt, müssen grundlegende Dogmen und Lehren der Kirche(n) in Frage gestellt werden. „Absolute Wahrheiten“ werden als erkenntnistheoretisch und theologisch unzulässig entlarvt und die traditionelle Verwechslung von Glaubensbildern mit vermeintlichem Faktenwissen über das Göttliche wird aufgedeckt.

Man kann es - ein besonderes Anliegen - auch als spirituelles Buch lesen, das dahin drängt, Gott/ den GottesGeist in der Natur, mitten im gelebten Alltag und in sich selbst zu suchen und sich auf IHN einzulassen. Eine Mystik des alltäglichen Lebens erscheint für jeden möglich, „denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“(Apg. 17,28).

Man kann es auch als ein Buch lesen, das ein aufgeklärtes Christsein im 21. Jahrhundert als möglich erscheinen lässt. An etlichen zentralen Themen des Glaubens suche ich das aufzuzeigen. Dabei geht der Blick auch zu den anderen Religionen.

Man wird vielleicht noch anderes finden, das einem selbst wichtig erscheint. Manches ist nur kurz angesprochen und wird dem Weiterdenken des Lesers anvertraut. - So ist das Buch nämlich gedacht, dass jeder sich anstoßen lässt und sich dann selbst aufmacht.

Einführung zum Buch

Frithjof Ringler, Geht Gott verloren? Spuren zum Geist, der lebendig macht

 

Allgemein lässt sich heute feststellen, dass die Glaubensverkündigung der Kirche die Menschen weitgehend nicht mehr erreicht. Eine der Ursachen ist der gegenwärtig stattfindende Kulturbruch. Der Autor zeigt auf, dass damit auch die 2000-jährige griechisch-hellenistisch-römische Glaubensinterpretation abbricht. Der Glaube, dessen Theologie aus dieser Zeit und Kultur stammt, wird nicht mehr verstanden, da die Menschen in einer anderen Zeit leben. Zudem ist nach Aufklärung und Säkularisation heute klar geworden, dass es für den Menschen aus anthropologischen, erkenntnistheoretischen und theologischen Gründen kein Erfassen absoluter Wahrheiten geben kann. Gott kann daher kein Objekt des menschlichen Erkennens sein. Das Gebäude kirchlicher und theologischer Lehren, die Dokumente und Bekenntnisse, das ganze Depositum Fidei der Kirche wird erkannt als die Glaubensinterpretation einer bestimmten Zeit und Kultur. Ihre Verbindlichkeit ist daher zeitgeschichtlich begrenzt; entsprechend der Geschichtlichkeit des Menschen ist in anderer Zeit und veränderter Kultur eine neue Interpretation der biblischen Grundlagen zwingend nötig, wenn die Botschaft die Menschen erreichen soll.

Grundlegend in dem Buch ist nach der Entlarvung aller Gottesbilder und -lehren als Menschenwerk die Wiederentdeckung der Unfassbarkeit und Unverfügbarkeit Gottes. Die Metapher Geist bringt das zur Sprache: Geist ist unfassbar, nicht an Raum und Zeit gebunden, daher allgegenwärtig, aber an seiner Wirksamkeit zu erkennen. In religiöser Sprache ist Geist eine Metapher für Gott. Nimmt man das Geist-sein Gottes ernst, erweisen sich alle menschlichen Erkenntnisse, Bekenntnisse und Dogmen als menschliche Hervorbringungen; auch die Liturgie, Moral „im Namen Gottes“ und anderes wird fragwürdig.

Eine traditionelle Theologie, die von „Gott“ aus auf die Wirklichkeit des Menschen schließt, ist nicht mehr möglich. Theologie muss daher „von unten“, also von den Erfahrungen des Menschen und all seinem Wissen und Erkennen ausgehen und von daher nach Gott fragen. Der GottesGeist kann sich in allem zeigen: in der gesamten Natur, in jedem Atom, in der evolutiven Entwicklung des Kosmos, in jedem Menschen, denn ER ist die geistige Mitte von allem. Erfahrungen des GottesGeistes sind daher in allen Bereichen möglich. Erkennt man den GottesGeist als innerstes Prinzip alles Seienden, also auch meiner selbst, so wird eine Spiritualität möglich, die der Mystik benachbart ist und den alten „Namen“ Gottes „Jahwe“, d.h. „Ich bin da“, erfahrbar werden lässt: er ist fundamental da in mir, in meinem Leben, in all meinem Wissen und und meinen Erfahrungen, in der Evolution des Kosmos, in der Begegnung mit Menschen und Tieren...

Von einer Gott-ist-Geist-Theologie ausgehend erfahren auch die traditionellen Glaubensthemen wie die Offenbarungslehre, die Gottesfrage, die Christologie, die Erlösungslehre, die Trinitätslehre und anderes eine grundlegende Veränderung. Es wird erkannt, dass sich religiöses Sprechen grundsätzlich in Bildern und Gleichnissen ausdrückt; feststellende, definitorische und analytische Sprache und ebensolches Denken, wie es die Lehrtradition prägte, sind in religiösen Fragen obsolet. Glaubensbilder sind grundsätzlich offen für neue Interpretationen und Weiterentwicklung. Die traditionelle Verwechslung von Glaubensbildern und der Feststellung von Tatsachen/ Fakten, die zu glauben sind, hat völlig in die Irre geführt. Eine grundlegende Entmythologisierung aller Glaubenslehren ist deshalb angesagt. Am Beispiel Trinität wird das besonders deutlich. Denn wenn man die Trinität nicht als Faktum, sondern als Glaubensbild betrachtet und damit  „Gott Vater“, „Gottes Sohn“, „Heiliger Geist“ als (mythische) Glaubensbilder, d.h. als menschliche Weisen des Zugangs zu dem einen unsagbaren Gott, löst sich der Verdacht der Dreigöttlichkeit auf und das Gespräch mit den anderen abrahamitischen Religionen bekommt eine gemeinsame Grundlage: den einen, unsagbaren  und unvorstellbaren Gott, der in unterschiedlichen Bildern aufscheint. Schließlich wird erkannt, dass die Gestalt der Kirche geschichtlich bedingt ist und in der einen Kirche Vielheit kein Widerspruch ist, sondern natürliches Offenbarwerden des einen GottesGeistes, der sich, wie sonst in der Natur, in Vielfalt und Entwicklung zeigt. Schließlich werden alle Themenbereiche der Glaubenslehre, die sich teilweise verselbständigt haben, wie z.B. die Christologie und Soteriologie, zurückgeholt in das Sprechen von dem einen Gott, der letztlich alles in allem ist (Theozentrik). Ein Blick auf andere Religionen ergänzt dies.

 

> Zum Text des Buches

 

NB: Wer den Text auch als Buch lesen will: Erhältlich ist das Buch weiterhin direkt beim LIT-Verlag und in jeder Buchhandlung unter ISBN 978-3-14873-5  und als Ebook: ISBN 978-3-14873-9

 

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